1. Juni 2026

Ein gerader Fluss bringt Basel Wohlstand

Die chemische Industrie im Klybeck konnte nur entstehen, weil Anfang des 19. Jahrhunderts ein badischer Ingenieur einen verwegenen Plan hatte: den Rhein zu begradigen. Daraus wurde ein 60-jähriges, länderübergreifendes Bauprojekt mit Schaufeln und Schubkarren. Am Ende stand der Wasserweg für die Schifffahrt, der Basel zum bedeutenden Industriestandort machte. Johann Gottfried Tulla, geboren 1770 in Karlsruhe, legte 1809 einen Plan vor: Mäander abschneiden, Nebenflüsse einengen, das Flussbett vertiefen. Jahrelang bearbeitete Tulla die Behörden in Baden, Frankreich und der Schweiz mit seinem Plan. Eine vernichtende Flut 1816 verlieh seinen Argumenten auf dramatische Weise Nachdruck: 1817 begannen die Arbeiten.

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Bild vom Rhein mit Schiffen

Vor der Begradigung

Vor Tulla war der Rhein ein wilder Strom, der Betten wechselte und ganze Dörfer verschluckte. Die Grenze zwischen Frankreich und Deutschland, die er markieren sollte, verwischte regelmässig – manche Ortschaft wechselte aufgrund der natürlichen Verlagerung des Rheins regelmässig die Staatszugehörigkeit.


Am Oberrhein lebten Fischer von Stör und Lachs. Auch die Bauern und Flösser bedienten sich am Fischreichtum, was zu Konflikten mit den Berufsfischern führte. Ab dem Mittelalter wurde dann das Fischergewerbe streng geregelt: Wer wilderte, riskierte unter Umständen sogar den Galgen. Im nördlichen Kleinbasel erinnern bis heute Strassen- und Beizennamen an diese grosse Zeit der Fischerei. Der Salm – also der Lachs – steht bis heute emblematisch für Kleinbasler Stadtteil.

Was dabei verschwand, was dazu kam

Die Begradigung des Rheins brachte jedoch nicht für alle Vorteile: ganze Fischerfamilien verschwanden, einige Bauern- und Fischerfamilien, die ihr altes Leben nicht aufgeben wollten, wurden vertrieben, damit die Bautrupps loslegen konnten. Armeen von Arbeitern mit Pferdewagen, Spitzhacken, Schaufeln und Schubkarren waren nötig, um dieses Megaprojekt zu verwirklichen – zu tiefen Löhnen und unter harten Bedingungen.


Gewonnen wurden trockenes Land für die industrielle Landwirtschaft und ein schiffbarer Strom bis Basel. 1832 erreichte das erste Dampfschiff aus Deutschland die Stadt. 1886 erklärte die Mannheimer Akte den Rhein bis Rheinfelden zum internationalen Gewässer, was den Zollbetrieb auf dem Wasser obsolet werden liess.


Wenige Jahrzehnte später hatte der neue Wasserweg die Chemie ins Klybeck geholt. Hier wurden u.a. Fuchsia hergestellt, das Ferrarirot, später Medikamente und Dünger. Der atlantische Lachs jedoch, ein ehemaliges Wahrzeichen der Stadt, verschwand in den 1950er Jahren wegen der kontinuierlichen Verschlechterung der Wasserqualität und verbauten Wanderwegen.


Heute renaturiert Basel den Rhein wieder. Im Neuen Klybeck soll die Verbindung zwischen den Biotopen Rhein und Wiese wiederhergestellt werden, die durch Industrie und Verkehr unterbrochen wurde. Der Natur soll ein Teil ihrer Identität zurückgegeben werden, der einst im Namen des Fortschritts verloren ging.