Von wegen «minderes» Basel
Das war nicht immer harmlose Symbolik. Kleinbasel war um 1300 eine eigene Stadt mit rund 1'000 bis 1'500 Bürgern – politisch, administrativ und juristisch von Grossbasel getrennt. Was in Grossbasel die mächtigen Zünfte machten, machten in Kleinbasel die drei erwähnten Ehrengesellschaften: Stadtverteidigung, öffentliche Aufgaben, Repräsentation.
Noch heute hat man hier und dort das Gefühl, dieses alte, trotzige Selbstbewusstsein stecke noch in so mancher Hauswand. Hier und dort sieht man immer wieder die Zahl 4057 an eine Wand geschrieben: Die Postleitzahl deckt Matthäus, Klybeck und Kleinhüningen ab – drei Quartiere, die für die Aussenwelt als ein Stadtteil zählen.
Sie taucht im Sprachgebrauch von Quartiermedien auf («Übersommern im 4057»), in Graffiti, in Rap-Texten. Der Schweizerdeutsche Rap hat 1992 in Basel begonnen, mit Urs Baur alias Black Tiger. So wurde das Klybeck-Hafenareal Kulisse mancher Musikvideos.
Ähnliche Bebauungsdichte wie London
Ein gewisser Widerstandsgeist weht also immer schon durch die Gassen des Kleinbasel. Das Matthäus, ursprünglich Arbeiterquartier, ist heute mit 20'170 Personen pro Quadratkilometer eines der am dichtesten besiedelte Gebiete im Land und bietet vielen Studierenden, Kulturcafés, türkischen Brautmodeläden und dominikanischen Bars ein Zuhause. Das Klybeck war Basels Werkbank, Kleinhüningen erst Fischerdorf, dann Hafen, dann Industrie. In den Arbeiterhäusern wohnen heute Menschen aus vielen Teilen der Welt, auf den Schulwegen und in den Klassenzimmern mischen sich Sprachen.
Das 4057 hat in ihrer Geschichte einiges erlebt: Den wilden Rhein und seine Zähmung. Den Bau des Rheinhafens, der Kleinhüningen vom Fischerdorf zum Umschlagplatz machte. 150 Jahre Chemieindustrie auf dem Klybeck-Areal. Migrationswellen aus halb Europa und der ganzen Welt. Wirtschaftliche Hochs und Tiefs, die Fabriken hier wachsen oder schliessen liessen. Viele Zeichen der Zeit sind heute noch erkennbar – als Strassenname, Beizenname, Akzent in der Sprache, Familiengeschichte.
Das Neue Klybeck ist ein nächster Entwicklungsschritt. Neue Wege zwischen Wiese und Rhein entstehen, neue Plätze, eine bessere Anbindung. Das Areal soll Teil des 4057 werden, kein Ersatz und auch keine Alternative.
Was bleiben soll
Bis Wohnen auf dem Areal möglich ist, dauert es voraussichtlich bis Ende 2028. Bis die Bauphasen abgeschlossen sind, deutlich länger. Das Neue Klybeck wird sich in dieser Zeit verändern. Die Herausforderung besteht darin, die Entwicklung so zu gestalten, dass die Menschen, die hier leben, weiterhin stolz auf ihren Stadtteil sein können – und die neu Hinzugekommenen ihren eigenen Platz im stolzen 4057 finden.


